Künstlerberatung Stefan Kuntz

Was beim „Riestern“ wirklich rauskommt (Special)

 Unruhe bei Riester-Sparern
 
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) hat Riester-Sparer mit harscher Kritik an der Vorsorge-Form „Riestern“ viele aufgeschreckt: Macht das überhaupt Sinn? Mit was können Riester-Sparer rechnen? Sollte ein bestehender Riester-Vertrag gekündigt werden? Hier ein Überblick über die Sachlage.
 
Riester-Rente: Harsche neue Kritik und ernüchternde Zahlen
Schon 2008 wurde durch einen Beitrag des ARD-Magazins „Monitor“ ( MONITOR-Beitrag) aufgedeckt, dass Leistungen aus der Riester-Rente auf eine eventuell notwendige Grundsicherung im Alter angerechnet werden. (Grundsicherung ist quasi Sozialhilfe im Alter, falls die Rente nicht die Existenz sichert.) „Obendrauf“, also zusätzlich, gibt es die Riester-Rente nur zur normalen Rente ohne Grundsicherungsbedarf. Wer eine sehr geringe Rente bekommt, hat also mit seinen Riesterzahlungen dem Sozialamt einen Teil von dessen Kosten vorfinanziert und selbst kein zusätzliches Geld. Anders ausgedrückt: Sinn macht das Riestern also nur für Leute, die später eine Altersversorgung über dem Grundsicherungsbedarf erzielen. Kornelia Hagen, Expertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), wurde mit den Worten zitiert: „Menschen, die im Alter auf Grundsicherung angewiesen sein werden, laufen Gefahr, von ihrem angesparten Beiträgen gar nicht zu profitieren. So wird nach jetziger Rechtslage die Riester-Rente mit der Grundsicherung verrechnet. Rentner, die geriestert haben, bekommen den gleichen Grundsicherungssatz wie die, die nicht geriestert haben, und keinen Cent mehr.“

Das ist aber nur ein Aspekt, auf den Skeptiker verweisen. Die DIW-Kritik an der RiesterRente zielt hauptsächlich auf einen anderen Punkt ab: Für viele Riester-Sparer besteht die Gefahr, dass sie die Auszahlung ihres eingezahlten Kapitals und der erhaltenen staatlichen Zulagen überhaupt nicht erleben, weil sie nicht alt genug werden. Jede Rentenversicherung, egal ob mit einem Riester-Vertrag oder ohne staatliche Förderung, ja sogar die „normale“ Einzahlung in die Rentenversicherung, ist immer auch immer ein Spekulieren auf ein langes Leben. Die Einzahlungen rentieren sich um so mehr, je länger man lebt, denn eine Rente wird lebenslang gezahlt.
Das DIW hat nun herausgefunden, dass die Anbieter von Riester-Renten anders rechnen, weil sie höhere Lebenserwartungen annehmen.
Die monatliche Rentenzahlung muss nach Anbieter-Ansicht geringer sein, weil die meisten Rentner länger leben als bisher. Anders als die Deutsche Rentenversicherung (DRV) sind Banken und Versicherungen ja keine Solidargemeinschaft, sie wollen Geld verdienen. Vielleicht wird ein Riester-Rentner also möglicherweise noch nicht einmal das eingezahlte Kapital und die erhaltenen staatl. Zulagen in monatlichen Rentenzahlungen zurückerhalten, wenn er „nur“ 80 Jahre alt wird. Das DIW rechnet vor (S. 10), dass eine Frau 128 Jahre alt werden muss, um nach 25 Beitragsjahren eine halbwegs vernünftige Rendite von 5 % für ihr Sparen zu erhalten. Das gilt für einen 2001 abgeschlossenen Vertrag. Für einen 2011 abgeschlossenen Riestervertrag ist diese Rendite schlicht gar nicht mehr erreichbar.
Anmerkung: Wer übrigens denkt, er könne seine Riester-Ansprüche vererben, irrt leider. Ein Vererben ist nur für die Ansprüche vor dem 85. Lebensjahr und nur „förderschädlich“ möglich, d. h. die Erben müssen alle staatlichen Zulagen zurückzahlen.
Dabei klang es lange Zeit anders
Diese Kalkulationen sind deshalb so schockierend, weil auch seriöse Finanzberater wie finanztest.de immer wieder die Riester-Rente und besonders die Variante Banksparplan als besonders sicher empfohlen haben mit Aussagen wie
 • „Riester-Banksparpläne bleiben eine ideale Altersvorsorge für fast jeden“ (Finanztest, 11/2010)
• „Sicher ist sicher“ (Finanztest 8/2002)“
• „Für ältere Riester-Sparer gibt es nichts Besseres“ (Finanztest 11/2006)
• „Die staatl. Förderung für Riester-Verträge ist so attraktiv, dass selbst nach einem Börsencrash noch eine dicke Rendite für den Anleger bliebe“ (Finanztest, 11/2010)
Und auch im aktuellen Finanztest-Heft gibt es keinerlei Hinweis auf die jetzt notwendig andere Einschätzung, auch nicht bei "mediafon".
• „Jeder Riester-Vertrag muss mindestens die Auszahlung der eingezahlten Beiträge zzgl. staatlicher Zulagen vorsehen (Geld-zurück-Garantie)“, aber eben nur zum Ende der Ansparphase. Josef Ellenrieder
• Ver.di, die Verbraucherzentrale und "Das Erste" stellen in Aussicht, dass bei konstanten Entwicklungen eine Rendite von knapp 4 % zu erzielen ist, nach 30 Jahre ‚Füttern‘.“ („Durchblick Riester-Rente“, 2001, Hg. Von der ARD und der Verbraucher- Zentrale NRW, Seite 50).
Übrigens: In ihrer neuesten Meldung mit dem Titel „Riester-Rente - Es geht noch besser“ entschuldigt sich die Stiftung Warentest genauso wenig für das doch - gelinde gesagt - fragwürdige bisherige Bejubeln der Riester-Rente wie andere Organisationen.
Übrigens: Auch ich war bisher reichlich euphorisch!
Jetzt mehr Riester-Wahrheit
Viele Sparer haben den Empfehlungen geglaubt und die eher niedrigen Zinsen der Banken als Ausdruck seriöser Versprechen hingenommen. Leider ist jedoch die versprochene Verzinsung in der Ansparphase oder in der Auszahlungsphase eben nicht die Rendite! Für alle ‚Riester‘-Produkte gilt: Die Rendite ist unbekannt. Und die Anbieter weigern sich, sie auszurechnen - das sei nicht möglich und könnte erst bei Auszahlungsantrag und Mitteilung des voraussichtlichen Sterbedatums errechnet werden. Nun ist das bei vielen Renten so, aber bei der Riester-Rente handelt es sich um eine kapitalgedeckte Vorsorge, deren grundlegende Unsicherheit sie vor allem für Geringverdiener sehr riskant macht.
 
Dass die Renditeberechnung anhand der Sterbetafeln des statistischen Bundesamtes möglich ist, hat das DWI ja vorgemacht. 2001 ging man von einer durchschnittlichen Verzinsung von 4 % aus und hielt das für niedrig („Sobald die Zinsen steigen, werden auch Sie profitieren.“). Nun beträgt die Verzinsung aber nur 1 %. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) hatte 2001 für ein Anfangseinkommen von 10.000 Euro eine Zusatzrente von 188 Euro prognostiziert. Die Mainzer Volksbank stellt eine ähnlich hohe Rente in Aussicht für ein angespartes Kapital von 50.000 Euro bei Rentenzahlungsbeginn 63 Jahre.
Es ist also schwierig, herauszubekommen, ob Sie die „Geld-zurück-Garantie“ noch erleben werden, ob diese „Garantie“ für Sie ein falsches Versprechen gewesen sein wird oder ob Sie sogar noch eine schmale Verzinsung erleben.
Sollten bestehende Riester-Verträge gekündigt werden?
Die bereits erwähnte DIW-Expertin Kornelia Hagen empfahl in der Bild-Zeitung: „So generell kann man das nicht sagen. Oft ist kündigen keine gute Idee, weil hohe Kosten entstehen können. Wer unzufrieden ist, sollte sich von einem unabhängigen Versicherungsberater (DRV, Verbraucherschutz) über alle Möglichkeiten informieren. Ein Vertrag kann auch stillgelegt werden. Das heißt, man zahlt keine Beiträge mehr ein und behält zumindest die Zulagen für die Zeit, in der gespart wurde. Prinzipiell sollte aber jeder Sparer bedenken, dass das Absicherungsniveau in der gesetzlichen Rentenversicherung bei Riester-Einführung gesenkt wurde und damit eine Altersvorsorge für viele wichtig geworden ist.“
Soll man bestehende Riester-Verträge nun kündigen? Macht Riestern noch für irgendjemand Sinn?
Wie Riester-Sparer sinnvollerweise reagieren können, hängt von ihrem Alter ab:
• Ältere, die schon in die Nähe der Verrentung, also der Auszahlung gerückt sind, sollten ihr Riesterguthaben, so weit möglich, „förderunschädlich kapitalisieren“, sprich sich auszahlen lassen, ohne die staatlichen Zuschüsse zurückzahlen zu müssen.
Dafür gibt es zwei Möglichkeiten:
1. Wer Geringverdiener ist und nur wenig Rentenanspruche erworben hat, kann sich seine Riesteransprüche auf einmal auszahlen lassen - das nennt sich „Abfindung einer Kleinbetragsrente“ und ist förderunschädlich möglich. Voraussetzung ist also, dass sich aus dem vorhandenen Altersvorsorgekapital nur eine so genannte „Kleinbetragsrente“ ergibt. Das ist dann der Fall, wenn die monatliche Rente weniger als ein Prozent der „monatlichen Bezugsgröße“ ausmachen würde. Als Grenzwerte für eine Kleinbetragsrente ergeben sich so für 2011 25,55 Euro monatlich (306.60 Euro jährlich) in den alten und 21,70 Euro (260,40 Euro jährlich) in den neuen Bundesländern. Für 2012 liegen die Werte bei 26,25 Euro monatlich (315 Euro jährlich) in den alten und 22,40 Euro monatlich (268.80 Euro jährlich) in den neuen Ländern.

2. Alle anderen sollten sich zu Beginn der Auszahlungsphase (also frühestens ab 60) 30 % des Sparkapitals förderunschädlich auszahlen lassen. Das ist inzwischen förderunschädlich möglich!
 
Die restliche Rente sollte so weit wie möglich in die Finanzierung einer eigenen Immobilie umgewandelt werden- das ist bis zu 75 % möglich. Dann wird zwar die restliche Rente minimal, aber man erlebt wenigstens die Auszahlung des größten Brockens. Und bitte auf die Bankgebühren achten!
 
• Jüngere, die von der Riester-Förderung profitieren wollen, sollte über folgende Varianten nachdenken:
3. ein Riester-Bausparvertrag: Damit lässt sich der Kredit für die Eigentumswohnung tilgen. Allerdings beträgt der Guthabenzins der Bausparkassen nur 0,5 bis 1 %.
4. ein Wohn-Riester-Darlehen: Damit kann man eine Immobilie erwerben, die Riester- Zulagen helfen bei der Tilgung. Beide Varianten sind auf Immobilien als Altersvorsorge ausgerichtet, statt der für viele sinnlosen kapitalgedeckten Riester-Varianten.

5.12.2011
=> zum Themenüberblick

Mein Artikel wie auch die DIW-Studie hat natürlich Kritik ausgelöst - aus der Versicherungswirtschaft. Völlig andere Meinungen finden Sie also auf
http://www.versicherungsjournal.de/versicherungen-und-finanzen/rechenfehler-beschaedigen-das-bild-von-riester-110346.php
oder
http://www.versicherungsjournal.de/versicherungen-und-finanzen/gdv-riestern-lohnt-sich-doch-110323.php 
15.12.2011

Eine Kleinbetragsrente wurde in einem konkreten Fall nach Erreichen der Altersgrenze von 62 Jahren mit rund 4900 € auf einen Schlag abgefunden. Die Eigenleistung betrug in 8 Jahren insgesamt 3775 € - das bedeutet einen Ertrag von rund 30 % abzüglich Kapitalertragssteuer!

 

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zuletzt aktualisiert: 19.04.2012