Künstlerberatung Stefan Kuntz

Die ultimative Organisationsform für Künstlergruppen? (Special)

 

Eine Bitte, die oft an mich heran getragen wird:
 
"Es muss doch irgendeine Form für eine Künstlergruppe geben, mit der alle Wünsche und Probleme endgültig geklärt sind, oder?"
 
Antwort: Nein, die gibt es nicht, leider nicht.
 
Mit GmbH hat man zwar das Haftungsproblem reduziert, aber die meisten Mitarbeiter müssen angestellt werden und das ist teuer, mal abgesehen von den 12.500 €, die man zunächst mal bei der Gründung hinterlegen muss.
 
Genauso beim e.V., weniger Haftung, aber teure Anstellung.
 
Bei der GbR dagegen ist zwar die Beschäftigung von Mitarbeitern billiger, weil sich die Künstler über die KSK versichern können, aber die scheuen sich, Gesellschafter zu werden, weil sie dann mit ihrem ganzen Privat­vermögen haften für all den Mist, den die anderen vielleicht auch in ihrem Namen anstellen.
 
Alle anderen Rechtsformen wie Kleine AG, Partnerschaftsgesellschaft oder nicht eingetragener Verein haben noch mehr Nachteile und keine ent­schei­denden Vorteile (Details im Survivalkit Freie Theater).
 
Im Moment stelle ich einen Trend fest für die Rechtsform des Inhabers, der als Einzelunternehmer alleiniger Eigentümer seines Betriebes ist. So wie ein Schreinermeister, der noch nicht einmal seine Frau als Mitinhaberin duldet, sondern nur als Angestellte. Solche „Gruppen“ heißen dann z.B. „Compagnie Bert Bauer“, wobei Bert Bauer der Chef ist, der Inhaber, der spiritus rector, der Guru, der Choreograph, wie auch immer. Jedenfalls müsste er fast alle seiner Künstlerinnen anstellen, ganz normal über Lohnsteuerkarte, und sie nicht mit Honorarverträgen beschäftigen. Letzteres tut er aber und riskiert dabei einiges:
 
Sollte die LVA / BfA bei einer Überprüfung feststellen, dass die Tätigkeit, die frau auf Honorarbasis geregelt hat, tatsächlich eine Arbeitnehmertätigkeit ist, wird das gezahlte Honorar als Nettolohn begriffen, d. h. der Arbeitgeber al­lein muss sämtli­che Lohn­steuer und Sozialversicherungs­abgaben für 4 Jahre nachent­richten. Der Arbeitnehmer erhält eventuell zuviel gezahlte ESt zurück und wird für die Sozialversicherungsbeiträge rückwirkend für maximal 3 Monate zur Kasse gebeten.
 
Honorarverträge sind nur legal für selbständige, nicht weisungsgebundene, also Choreographen, Autoren, Komponisten, Regisseure, aber nicht für den normalen Künstler, das Fußvolk, den normalen Schauspieler.
 
In den meisten Fällen kann ich für dieses Dilemma keinen Standard-Ratschlag geben und da reicht auch mein Buch Survival Kit nicht, weil die individuellen Voraussetzungen doch sehr unterschiedlich sind.
 
Mein Rat sieht in manchen Fällen so aus:
 
1.   Umwandeln des vorhandenen e.V. in einen reinen Träger- oder Förderverein. Als Trägerverein hält er die Infrastruktur vor (Gebäude, rudimentäres, angestelltes Verwaltungspersonal, weitere Organisationsarbeiten an externes Büro outgesourct, Techniker mit eigener Firma per Rechnung) und schließt Produktions- und Aufführungs-/Ausstellungsverträge mit GbR’s


2.   Bisherige künstlerische Mitarbeiter, die keine Weisungen erhielten, sondern eher welche gaben (Autor, Komponistin, Choreograph, Regisseurin) werden weiterhin per Honorarvertrag beschäftigt, für die der Verein nur die KSK-Abgabe entrichten muss.


3.   Andere künstlerische Mitarbeiter, die Weisungen erhielten (also Schauspieler, Tänzerin, Sänger, Bühnenbild-Assistentin), werden gebeten, für die jeweilige Produktion eine GbR zu gründen. Dabei hilft der Verein mit Know-How. Als Service wickelt er für die GbR die Buchführung und weitere Bürokratie ab. Dadurch ist das Haftungsrisiko für den Künstler als Gesellschafter überschaubar, sofern er es überschauen will und dazu grundlegende Kenntnisse mitbringt (Lesen eines Kassenbuches).
 
So, und in diesem letzten Nebensatz („sofern...“) steckt wohl der Pferdefuß.


Jedenfalls scheint die Bereitschaft und Fähigkeit z.B. von Tänzern, drei Wochen vor der Premiere in das Kassenbuch zu schauen, um festzustellen, ob man sich von dem Zuschuss wirklich noch einen Satz schwarzer Leggings kaufen kann, nicht weit verbreitet zu sein. Und so kommt es dann, dass frau sich nach der Premiere ärgert, weil der erwartete Gewinn doch schmaler ausfällt.
 
Dazu meine persönliche, etwas rigide Meinung:


Jeder andere Dienstleister kann auch nicht (z.B. als Schreiner) nur schöne Schränke bauen, er muss sich auch notfalls nach Feierabend darum kümmern, dass z.B. Buchführung gemacht wird, Rechnungen geschrieben werden und Kalkulationen stimmen.
Diese Denkweise ist vielen Künstlerinnen fremd, weil unsere gesellschaftliche Tradition Kunst als einen geschützten Freiraum unterstützt. Aber diese Tradition geht rapide verloren. Also müssen sich auch Künstler als Dienstleister verstehen, mit vielen unangenehmen Konsequenzen, aber auch mit – wie ich meine – neuer Freiheit, die der Markt bietet und die die Abhängigkeit von Fürsten, Mäzenen, Sponsoren, Bezirksregierungen, Kulturämtern und Jurys verringert – wenn frau das will. Aber da wäre natürlich eine Chancengleichheit am Markt eine angenehme Voraussetzung. Die Chancen des Marktes werden meiner Meinung nach zerstört durch Subventionierung einiger weniger.

 

 

 

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zuletzt aktualisiert: 11.02.2014